Der Betrunkene Steinbock – Fortsetzung VII

Bergab (Andri)

»Das ist unfassbar fein.« Urs schiebt sich eine weitere Portion in den Mund und verdreht genießerisch die Augen, während er kaut.

Rote-Bete-Braten à la Andri gibt es nicht jeden Tag. Wenn man das Gemüse erst in Butter, Salz und Lorbeerblättern anbrät und dann seehr lange bei niedriger Temperatur im Ofen durchziehen lässt, bekommt man ein unvergleichliches Aroma. Urs sagt, es schmeckt wie Rinderfilet, nur besser. Es ist sein Lieblingsgericht, aber da es so aufwändig ist, mache ich den Braten nur zu besonderen Anlässen.

»Was ist denn los?« Urs lächelt. »Gibt’s was zu feiern? Etwas noch Besseres als: Die Saison ist endgültig vorbei und wir haben ein Wochenende ganz für uns?«

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»Ja, gibt es«, sage ich und muss Luft holen, weil mir vor lauter Freude die Stimme wegbricht. »Ich habe eine Überraschung für dich.«

Urs legt die Gabel auf den Teller und beugt sich mit leuchtenden Augen vor.

»Ich habe den Betrunkenen Steinbock zur kommenden Saison verpachtet. Ab dem Frühling werde ich die Unterbachhütte übernehmen.« Ich hole noch einmal Luft. »Heute Morgen kam die Zusage. Ab nächstem Jahr bin ich viel näher bei dir und du bist schneller bei mir.«

Urs sieht nicht begeistert, er sieht entgeistert aus.

»Aber … warum?«

Und seine Stimme klingt völlig entsetzt.

»Das habe ich doch gerade erklärt.« Meine Freude ist jetzt irgendwo auf Fußbodenhöhe. »Es ist besser. Und praktischer. Und außerdem schöner. Die Unterbachhütte ist direkt neben einer Alm, da gibt es Wiesen rundherum-«

»Ich kenne die Unterbachhütte«, unterbricht mich Urs schroff. »Und ich finde nicht, dass das die richtige Umgebung für dich ist.«

Wie bitte? Mein Herz klopft jetzt nicht mehr vor Glück, sondern vor Zorn schneller. »Was soll das denn heißen?«

Urs fährt sich mit den Händen durchs Gesicht. »Andri, hast du schon vergessen, was letzten Monat passiert ist? Wie knapp das war?«

»Ja, und es ist hier oben passiert«, gebe ich zurück.

»Auf der Unterbachhütte wärst du noch viel gefährdeter«, sagt Urs. »Da gibt es noch mehr Besucher. Nicht nur Wanderer, auch Tagesgäste in Massen. Und du bräuchtest viel mehr Personal-«

»Ich bin dort unten genauso sichtbar oder unsichtbar wie hier oben und das mit dem Personal habe ich schon geklärt. Alle, die dort arbeiten, werden mich kennen und ich werde sie kennen. Das Dorf ist bereit.«

Urs schweigt genau einen Atemzug lang.

»Es wäre viel zu warm für dich so weit unten«, sagt er. »Im Sommer wäre es unerträglich.«

Ich grinse. »Dafür gibt es eine Lösung. Der Bach hat nie mehr als sechs Grad, ich kann einfach zwischendurch reinspringen. Außerdem habe ich dort zwei richtig große Kühl- und Gefrierkammern, zur Not setze ich mich da einfach ein paar Minuten rein. Das wird super!«

Urs runzelt die Stirn und dreht sich zum Tresen um. »Luc, was meinst du?«

»Ach, mir ist es egal, ob ich im Betrunkenen Steinbock oder in der Unterbachhütte abhänge«, sagt Luc und lacht blökend über seinen eigenen Witz. »Wenn Andri wechseln will, soll er wechseln.«
Tja, Pech Urs. Mit Luc habe ich vorab schon alles besprochen.

»Wir hätten viel mehr Platz«, sage ich, »eine eigene kleine Wohnung für uns, nicht mehr nur eine winzige Schlafkammer mit Bad. Plus eine eigene Küche, falls wir mal nur für uns kochen wollen.« Es kommt mir absurd vor, dass ich Argumente zusammenkratze. Warum sieht er nicht, was für eine Chance das ist?

Urs schiebt den Teller von sich weg und schüttelt den Kopf.

»Sogar die Hühner hätten mehr Auslauf«, ergänze ich, weil ich weiß, dass Urs ein großer Fan der Hühner ist. Aber er starrt nur auf die Platte mit dem Rote-Bete-Braten und sagt nichts.

»Ich bräuchte nicht mehr jedes Lebensmittel selbst hier hoch zu schaffen. Die Hütte unten hat einen Lastenaufzug, ich könnte ganz andere Sachen einkaufen und ganz anders kochen.« Mit dir zusammen, wollte ich eigentlich noch sagen, aber wegen Urs’ abweisender Miene verkneife ich mir das.

»Deine Küche ist jetzt schon so bekannt, dass die Leute nur deswegen hier raufsteigen«, sagt er. »Was nützt es, Kochträume zu verwirklichen, wenn man dafür sein Leben riskiert?«

Ich verdrehe die Augen. »Du tust so, als wäre jeder Schritt von mir gefährdet. Dabei habe ich seltsamerweise schon 26 Jahre überlebt. Auch ohne deine Hilfe.«

Urs runzelt die Stirn. »Und warum trägst du immer Mütze und Handschuhe, obwohl es theoretisch nicht nötig wäre? Du glaubst doch selbst, dass es ein Restrisiko gibt.«

»Das ist nur eine Angewohnheit, mehr nicht!«

Ich bin vorsichtig, ja, aber das ist nur vernünftig. Niemand außer dir kann mich sehen. Vielleicht würde dieser Satz unseren sinnlosen Streit beenden. Aber ich bin verletzt und ratlos und wütend. Und spreche ihn nicht aus.

Urs macht eine abfällige Handbewegung, die alle meine Argumente wegwischt. »Was du da vorhast, ist wahnsinnig, Andri. Das kannst du nicht machen.« Sein Tonfall hat etwas Endgültiges, als wäre der Entschluss gegen die Unterbachhütte schon gefallen. Als wäre es seine Entscheidung und ich nur ein dummer Junge.

»Sag mir nicht, was ich tun oder lassen soll!« Ich springe auf und senke kurz drohend die Hörner. Nie zuvor habe ich das Urs gegenüber getan. Ich fürchte diese Momente, wenn der Wintersteinbock durchbricht. Aber Urs scheint es gar nicht zu bemerken. Er steht langsam auf, seine Hände hängen zu Fäusten geballt an seiner Seite.

»Die Unterbachhütte ist doch gar nicht für dich«, sagt er. »Du machst es für mich. Weil du denkst, dass ich hier oben nicht zurechtkomme.«

Er hat recht. Ich mache es für ihn. Weil ich ihn verdammt noch mal liebe. Urs kommt nur meinetwegen hier herauf. Er geht inzwischen über jeden Grat, er steigt auf alle Gipfel, die ich ihm vorschlage. Immer mit Angst im Gepäck, immer nur mir zuliebe. Er setzt sich mit mir auf die Terrasse, aber bleibt dicht an der Hüttenwand, weit vom Geländer entfernt. Ich will das nicht mehr. Ich möchte, dass er sich sicher fühlt. Dass er in einer Umgebung ohne Abgründe leben kann.

»Ja«, gebe ich zu. »Auch. Aber-«

»Du hast mich also nie für voll genommen«, sagt Urs in einem so harten Ton, dass mir kalt wird. »Du traust mir nicht zu, dass ich das hier oben schaffe. Der Hygieneinspektor aus der Stadt packt es nicht in den Bergen.«

Ich schüttele den Kopf. »Blödsinn! Ich weiß, dass du hier oben zurechtkommst. Aber weiter unten wäre es noch viel schöner. Für uns beide.«

Er geht ein paar Schritte vom Tisch weg. »Ich möchte nicht, dass du das tust, Andri. Nicht für mich. Wenn ich der Grund bin, dann …« Er bricht ab und dreht sich weg. Und plötzlich wird mir alles klar. Hier oben war auch er auf eine Weise sicher, an die ich nicht gedacht habe. Außer Urgroßvater Luc und dem Dorf weiß niemand, dass wir zusammen sind. Wir waren beide hier oben unsichtbar, und auf der Unterbachhütte müsste er Farbe bekennen. Mein Nackenfell sträubt sich. Ich habe das schon so oft erlebt, aber ich dachte, Urs wäre anders.

»Du willst es nicht, weil du Angst um deinen Status hast«, sage ich, und meine Stimme ist jetzt genauso kalt wie seine. »Dein exotischer Lover passt nur, solange er nicht offiziell ist. Gut genug für eine Sommersaison, mehr nicht.«

»Jungs …«, blökt Urgroßvater Luc.

»Halt dich raus!«, rufen Urs und ich gleichzeitig.

»Deshalb war deine Schwester auch noch nie hier«, sage ich, auf einmal sicher, dass genau das der Grund ist. »Du hast ihr gar nichts von uns erzählt. Du schämst dich für mich. Du hast Angst, mit mir gesehen zu werden.«

Wir stehen uns gegenüber, schwer atmend, mit geballten Fäusten. Urs ist jetzt leichenblass, seine Augen riesig und dunkel. Ich hoffe, dass er mir widerspricht, aber mehrere, viel zu lange Atemzüge passiert nichts.

»Ja«, sagt Urs schließlich, laut und mit fester Stimme. »Ja, du hast recht. Es tut mir leid. Du brauchst die Hütte nicht zu wechseln. Wir sind fertig.« Er stapft an mir vorbei, den Blick auf den Fußboden gerichtet.

»Jungs!«, ruft Urgroßvater Luc. »Verdammt noch mal! Jetzt lasst den Blödsinn!«

Meine Beine knicken unter mir weg wie bei einem neugeborenen Kitz, und ich taumele zur Seite. Ich hätte nicht gedacht, dass es mich so trifft. Es ist doch nicht das erste Mal. Aber das hier ist Urs. Der Mensch, der mich auch ohne Vollmond sehen kann. Mit dem ich die nächsten Jahre verbringen wollte. Ach was, Jahre. Mein Leben. Ich habe es ihm nur nie gesagt.

Ich torkele durch den Flur. Urs ist in der Kammer und packt. Normalerweise macht er das mit liebevoller Akribie, rollt Kleidungsstücke zu Miniwürsten und arrangiert Bücher in Tetris-Manier, um Platz zu sparen. Jetzt landet alles kreuz und quer im Rucksack. Er sieht nicht auf, als ich hereinkomme. Und auch nicht, als ich ihm das nächste Buch aus der Hand nehme.

»Du kannst niemals den ganzen Kram auf einmal mitnehmen«, sage ich und hasse es, wie deutlich meine Stimme zittert. »Das ist viel zu schwer.«

»Du meinst, weil ich zu schwach bin?«, schießt er zurück.

»Ja«, sage ich. »Das ganze Zeug auf einmal könnte nicht mal ich tragen.«

»Weißt du was?« Urs reißt mir das Buch aus der Hand und wirft es auf die Matratze, dann zerrt er weitere Bücher wieder aus dem Rucksack und schmeißt sie dazu. Auf das Bett, in dem wir vor wenigen Stunden noch zusammen gelegen haben. »Ich brauch das alles eh nicht mehr. Du kannst den Ofen damit anfeuern.«

»Nein, kann ich nicht«, sage ich, und am Satzende bricht meine Stimme nach oben weg. »Die Einbände haben … eine … Beschichtung, und die zu verbrennen ist … scheiße für die Umwelt«, stoße ich hervor.

Urs nimmt das erste Buch und reißt den vorderen Teil des Covers ab. Ritsch. Artenvielfalt in den Alpen. Ratsch. Das war der Klappentext. Er liebt Bücher. Er wird sauer, wenn man sie aufgeschlagen auf den Boden legt, weil die Seiten dann knicken können und der Einband ausleiert. Er hat mir schon ein halbes Dutzend Lesezeichen geschenkt, damit ich das nicht mehr mache, aber ich verlege sie ständig. Ich liebe Geschichten, aber wie das Drumherum aussieht, ist mir egal.

Ritsch. Der nächste Einband. Vegetarische Gerichte für Pfanne und Ofen. Ratsch. Das nächste Buch. Sagen und Märchen der Alpenregion. Er stopft die Einbände in seinen Rucksack und wirft die hüllenlosen Bücher aufs Bett. Sie liegen dort mit geöffneten Seiten und gekrümmten Rücken, ohne schützende Hülle. Nackt. Es sind Urs’ Hände, die das tun und die mich selbst jetzt, bei diesem Massaker, noch verrückt machen.

Ich drehe mich um und gehe durch die Küche zur Hintertür. Luc brüllt mir irgendwas nach, aber ich ignoriere ihn.

Die Kälte empfängt mich wie ein Schlag ins Gesicht. Ich steige auf den Hausberg, langsam erst, dann immer schneller. Ich laufe, springe, rutsche aus und fange mich wieder, trabe weiter. Als ich oben angekommen bin, ist Urs schon auf dem Grat. Aus der Vogelperspektive sieht er winzig aus. Der Rucksack hängt schwer auf seinem Rücken, aber er geht ohne Zögern. Der Schnee liegt knöchelhoch. Wenn er den Halt verliert, wäre ich nicht rechtzeitig unten, um ihn zu retten. Ich kann trotzdem nicht wegsehen. Ich habe heimlich jede seiner Gratwanderungen überwacht, ich hatte immer Angst um ihn. Aber er ist nach seiner Flucht, damals in der ersten Nacht, nie wieder ausgerutscht.

Er kommt sicher auf die andere Seite, auf den breiten Wanderweg. Ein paar hundert Meter lang kann ich ihn noch sehen. Den leicht gebeugten Rücken mit dem schweren Rucksack, die dunklen Haare unter dem Rand der Wollmütze. Er geht weiter bergab und dreht sich nicht einmal um. Dann verschwindet er hinter einer Biegung.