Fauna, Flora, Habitat
(Urs)
Das Dorf, wie ich Andris Verwandtschaft im Stillen nenne, ist auch an diesem kalten Herbstabend live anwesend, in Gestalt der Kellner Jonas und Gian, zwei Großcousins aus irgendeinem Seitenzweig der großen Steiger-Familie. Sie beugen sich am Tresen mit Andri über ein Spielbrett und sind in eine hitzige Diskussion darüber vertieft, ob seine Drachenfigur ein Feld zu weit gegangen ist.

Foto: Linus Muheim, unsplash
Ich könnte mich einmischen, denn ich habe die Spielanleitung von Das Bergdrachenkönigreich ausgiebig studiert, weil das sehr zu empfehlen ist, wenn man einen Freund hat, der gerne schummelt. Aber ich sitze mit dem Rücken am Kachelofen und lese den neuesten Entwurf von Flora, Fauna, Habitat – dem Richtlinienentwurf für länderübergreifende Zusammenarbeit im Naturschutz.
Andri hat sich darüber lustig gemacht, dass ein korrekter Mensch wie ich sämtliche Wandererregeln missachtet, indem ich unnützen Ballast in Gestalt eines 400-Seiten-Aktenordners den Berg hinaufgeschleppt habe, aber ich lese Dokumente einfach lieber auf Papier. Und die Frage, wie gefährlich so ein Dasein als Steinbockmensch ist, beschäftigt mich schon seit der ersten Nacht in der Gaststube und natürlich erst recht, seitdem ich den Fluch kenne.
Ich bin ausnahmsweise froh, dass Hanne noch nie mit mir hier oben auf der Hütte war und daher nicht weiß, wie fehl am Platz der Aktenordner ist. Sie wäre wahrscheinlich nicht einverstanden. Hör auf, dir um alles Sorgen zu machen! Aber manchmal träume ich immer noch von den beiden Polizisten, die vor zwei Jahren nachts mit ernsten Gesichtern an meiner Wohnungstür geklingelt haben. Herr Keller, es tut uns sehr leid. Ihre Eltern hatten einen Unfall.
Sie waren auf dem Rückweg von Freunden, die etwas außerhalb der Stadt wohnten. Auf der kurvigen Strecke kam ihnen ein SUV entgegen, der Fahrer fuhr zu schnell und verlor die Kontrolle. Der Kleinwagen meiner Eltern hatte keine Chance gegen das zweieinhalb-Tonnen-Geschoss.
Ich versuche, mich wieder auf den Text zu konzentrieren.
Die Welt ist scheiße! Du hättest nichts tun können. Und du kannst mich genauso wenig beschützen! hat Hanne mich angebrüllt, wenn ich mal wieder etwas bestimmen wollte, was sie anging. Ich wollte der perfekte große Bruder sein und alles richtig machen. Der verantwortungsvolle Erwachsene mit dem Sorgerecht für seine jüngere Schwester. Ich wollte ihr vorschreiben, wie viel Zeit sie für die Schule einplanen soll, wann sie zu Hause sein muss. Regeln, Hanne. Gott, was haben wir uns in diesem schrecklichen ersten Jahr nach dem Tod unserer Eltern gestritten.
Nachdem der Unfallverursacher mit einer Geldstrafe davongekommen war, hat die Polizei in der Stadt eine Zeit lang nach einem Unbekannten gesucht, der regelmäßig nachts SUVs beschädigt hat. Tiefe, wellenförmige Kratzer auf der Karosserie oder der eingekratzte Schriftzug Mordwaffe vorne auf der Kühlerhaube. Sie haben nie jemanden erwischt.
Ich habe in dieser Zeit nächtelang auf dem Sofa im Wohnzimmer gewartet, bis Hanne nach Hause kam, die Lederjacke unserer Mutter wie eine Rüstung um die schmalen Schultern, den Schraubenzieher als Schwert in der Hosentasche. Es waren die einzigen Momente, in denen ich sie in den Arm nehmen durfte. Sie hat nie etwas erzählt und ich habe nie gefragt. Heute bin ich nicht mehr sicher, wer eigentlich auf wen aufgepasst hat in diesem ersten Jahr.
Egal wie sehr du dich vorbereitest, du kannst es nicht verhindern, würde sie sagen, wenn sie mich mit dem Aktenordner sehen würde, mit der ganzen Wut, die immer noch in ihr ist. Die sie über Wasser hält.
Die Saison ist fast zu Ende, was man auch daran merkt, dass keine Gäste den Berg heraufgekommen sind. Heute Morgen hat es geschneit. Das Meiste ist gleich wieder weggetaut, aber durch die Fenster sieht man in der Ferne die weißen Kappen der Bergspitzen. Ich drücke meinen Rücken dicht an den Kachelofen. Urgroßvater Luc döst mit hängenden Ohren über dem Tresen und die drei Cousins lachen. Andri hebt den Kopf und lächelt mit leuchtenden Augen zu mir herüber. Ich kenne niemanden, der so in der Lage ist, Momente wahrzunehmen wie er. Das ist ein guter Abend, sagen seine Augen. Er liebt sein Leben hier oben, seine Arbeit als Hüttenwirt, die Besuche aus dem Dorf. Und – immer wieder aufs Neue erstaunlich – mich.
Keiner von uns hört, wie die Tür aufgeht.
Es wird umgehend kalt im Raum und das liegt nicht nur an der Oktoberluft, die der Neuankömmling hereinlässt. Der Wanderer trägt jägergrüne Outdoorhosen, Bergsteigerschuhe, eine speckige Wetterjacke und ein Gewehr. Jonas und Gian rutschen langsam von ihren Barhockern. Andri kommt hinter dem Tresen hervor und wir tauschen einen besorgten Blick.
Es ist Vollmond.
Ich stehe auf. Urgroßvater Luc starrt den Besucher mit weit aufgerissenen Augen an.
Jäger kommen selten hier hoch, und wenn, kenne ich sie, hatte Andri mir versichert. Aber den hier begrüßt er nicht mit Namen. Der Mann ist unrasiert, ungefähr 50 Jahre alt und trägt den unvermeidlichen Filzhut mit dem Gamshaarbüschel an der Seite.
»Mit der Waffe dürfen Sie hier nicht rein«, sagt Andri ruhig. »Ich zeige Ihnen gerne den Waffenschrank im Schuppen.«
Ich gehe näher heran, den FFH-Wälzer noch in der Hand. Andri wirft mir einen warnenden Blick zu. Bleib, wo du bist. Was die telepathische Verständigung angeht, sind wir schon echt gut, aber ich kann das ignorieren, wenn es sein muss.
»Ohne mein Gewehr gehe ich nirgendwohin.« Der Mann nimmt das Gewehr von der Schulter und entsichert es. Andri erstarrt, auf eine nicht menschliche, Steinbock-vor-dem-Sprung-Art.
Gian und Jonas sind sofort an seiner Seite. »Entweder das Gewehr verpisst sich, oder du«, sagt Gian.
»Moment.« Andri hebt beschwichtigend die Hände. »Wir beruhigen uns erst mal alle.«
»Nein, das tun wir nicht.« Der Mann hebt das Gewehr auf Schulterhöhe und zielt auf Jonas. »Wer von euch ist der Steinbock? Der Junge hier?«
Jonas wird blass.
»Oder …?« Der Jäger schwenkt das Gewehr auf Gian.
»Ich bin es«, sagt Andri schnell und schiebt die Jungs hinter sich. Er nimmt seine Mütze ab. Das elektrische Licht in der Hütte hat einen warmen Goldton und auf Andris Kopf sind nur dunkelbraune Haare zu sehen.
»Zum Fenster«, befiehlt der Mann. »Und keiner von euch anderen bewegt sich, sonst …« Er legt seinen Finger auf den Abzug und ich weiß jetzt, dass Hanne recht hat. Ich habe diese Situation in Gedanken schon oft durchgespielt und trotzdem keine Ahnung, was ich tun soll. Mir ist kalt und auf meiner Zunge schmecke ich Galle.
Über dem Tresen bleckt Urgroßvater Luc die Zähne in Richtung des Jägers, was dieser zum Glück nicht sieht. Ich schätze meine Entfernung ein. Mindestens vier Schritte. Die beiden Jungs stehen Schulter an Schulter an ihrem Platz, Panik im Blick. Ich sehe Luc an, bewege lautlos die Lippen. Gleich. Auf mein Zeichen. Er muss irgendwie für Ablenkung sorgen. Luc zuckt kurz mit einem Ohr.
Egal, ob ich mich auf den Jäger stürze oder in die Schusslinie werfe, ich muss näher ran. So langsam und unauffällig wie möglich hebe ich einen Fuß und setze ihn ein paar Zentimeter vor. Die Kanten des Aktenordners bohren sich in meine Handfläche.
Andri geht langsam auf das Fenster zu.
»Mach das Licht aus«, befiehlt der Jäger, und Andri gehorcht mit zitternden Händen. Mondlicht fällt ins Zimmer herein und offenbart seine geschwungenen Hörner, die Hufe und die befellten Ohren.
»Ich wusste es! Die alten Geschichten lügen nicht.«
Die Augen des Mannes leuchten triumphierend. Er hat immer noch den Finger am Abzug. Ich bewege mich in Zeitlupe weitere Minischritte vorwärts.
»Jahre meines Lebens war ich hinter dir her.« Er richtet das Gewehr auf Andris Herz.
»Und warum?«, fragt Andri. Seine Stimme ist ruhig, aber sein Nackenfell sträubt sich.
»Ich weiß alles über den Steiger-Fluch«, sagt der Mann in angeberischem Ton. »Du bist eine Legende. Ein Fall für meine Sammlung. Mehr wert als alle Elefanten, Onyx-Antilopen und Löwen zusammen.«
»Das widerspricht der Verordnung über die Regulierung von Steinbockbeständen«, sage ich laut.
Andri dreht ruckartig den Kopf zu mir und blinzelt irritiert. Ja, ich weiß. Es ist ein schwacher Versuch, aber ich halte mich erst mal an das, was ich kenne.
Der Mann schnaubt verächtlich, ohne den Blick und die Gewehrmündung von Andri abzuwenden. »Die Behörden werden das als Fehlabschuss registrieren. Das ist eine Geldstrafe, mehr nicht.«
»Die Behörden werden das als Mord einstufen. Es geht hier um einen Menschen.« Ich schlurfe weitere Minischritte näher heran.
»Ja, ich bin definitiv Teil der Biodiversität«, sagt Andri, und sein Tonfall klingt fast so sarkastisch wie Lucs.
»Ein Mensch mit Hörnern, Hufen und Fell? Das glaubst du doch selbst nicht«, sagt der Mann. »So etwas ist unnatürlich, eine Mutation. Außerhalb der Ordnung. Zeit, dem ein Ende zu machen.«
Der Herzschlag pocht mir bis zum Hals. Noch zwei Schritte. Große allerdings. »Die Trophäe können Sie doch sowieso nicht behalten«, sage ich und nicke dem Urgroßvaterkopf zu.
»Das glaube ich auch«, röhrt Luc mit einer so guten Hirschstimmen-Imitation, dass selbst ich glaube, ein 1,70 m Stockmaß Geweihträger stehe direkt hinter mir. Der Jäger fährt herum, ein Knall, Holzsplitter spritzen vom Tresen. Jonas und Gian springen auseinander, ich mache zwei schnelle Schritte nach vorn und will den Mann zur Seite stoßen, aber Andri kommt mir zuvor. Er senkt blitzschnell den Kopf und rammt dem Angreifer seine Hörner in den Magen. Der Jäger stolpert nach hinten, fällt aber nicht. Er fängt sich und reißt sein Gewehr wieder hoch. Mist.
Ich hole automatisch mit dem FFH-Wälzer aus. Ein kräftiger Schlag auf die Ohren setzt den Gleichgewichtssinn für ein paar Sekunden außer Gefecht, habe ich bei »Selbstverteidigung für Hygieneinspektoren« gelernt. Ich schlage zu, so fest ich kann, treffe allerdings nicht das Ohr, sondern die Schläfe. Der Schlag vibriert schmerzhaft in meinen Handgelenken. Der Trophäenjäger geht wie ein gefällter Baum zu Boden und rührt sich nicht mehr. Er liegt mit halb geöffnetem Mund und leerem Blick auf dem Boden.
Andri legt das Gewehr weg und dreht dem Mann die Arme auf den Rücken. Gian zieht seinen Gürtel aus den Schlaufen seiner Jeans und bindet ihm die Hände zusammen. Joris leert das Magazin der Waffe und bringt beides nach draußen. Urgroßvater Luc stößt wilde Verwünschungen aus und fuchtelt mit seinen Hörnern herum.
»Alles okay bei euch?« Andri nimmt die Jungs in den Arm. »Seid ihr in Ordnung?«
Sie nicken, mit schockgeweiteten Augen.
Ich fühle nach dem Puls des Bewusstlosen. Er hat einen.
»Dieses Schwein.« Gian holt mit dem Fuß aus, um den Mann in die Seite zu treten, aber Andri hält ihn zurück. »Lass es.«
»Er wollte dich erschießen!«, sagt Jonas anklagend. »Wie ein, ein …«
»Tier«, schlägt Andri vor und wackelt kurz mit den Ohren. Niemand lacht.
»Fehlabschuss«, sagt Gian. »Ich finde, wir sollten ihn einfach in die Schlucht werfen.«
»Nein«, sagt zu meinem Erstaunen Urgroßvater Luc. »Dafür gibt es Gesetze.«
»Mit metallverstärkten Ecken«, füge ich hinzu. Andri lacht und zieht mich in seine Arme. »Oh Mann, ja. Inspektoren mit metallverstärkten Ecken«, murmelt er. Wir stehen ein paar Minuten eng umschlungen mitten in der Gaststube und halten uns fest, lange genug, um zu spüren, dass wir noch da sind. Lange genug für mich, um komplett die Fassung zu verlieren.
»Ist ja schon gut.« Andri streicht mir immer wieder beruhigend über den Rücken. »Es ist ja nichts passiert.«
Er wirkt völlig ruhig und irgendwie … erleichtert. Als hätte er insgeheim darauf gewartet, dass er so etwas erlebt, und jetzt ist alles überstanden.
Die Jungs schleifen den bewusstlosen Angreifer in eine Ecke des Schlafsaals und sperren ihn dort ein. Andri zieht mich in die Küche, wo wir gemeinsam einen ganzen Turm von Käsebroten und Snacks produzieren, die innerhalb von einer Viertelstunde in den Mägen der beiden Teenager verschwinden.
Ich rufe die Polizei an, die nicht begeistert ist, sich nachts auf den Berg bewegen zu müssen. Bis sie eintreffen, ist es hell geworden. Gian und Jonas überwinden den Schock etwas, während sie die Ereignisse des Abends zu Protokoll geben. Wir erfahren, dass unser Angreifer vorbestraft ist und wegen Wilderei und illegalen Handels mit Wildtieren gesucht wird. Besonders gerne verkauft er bedrohte Tierarten an reiche Sammler in Asien. Tot oder lebendig.
Andri, der längst wieder in seiner Mütze-Handschuhe-Schuhe-Montur unterwegs ist, beschränkt sich auf wenige Details und »alles ging so schnell«. Ich schildere den Mann als betrunkenen Jäger mit Wahnvorstellungen, was mir, glaube ich, ziemlich gut gelingt.
Urgroßvater Luc beobachtet die Polizisten mit glasigen Augen. Er hat Andri gebeten, ihm ein Bier zu zapfen – etwas, was er nur zu besonderen Anlässen tut – und es durch einen extralangen Strohhalm auf Ex zu sich genommen, bevor die Polizei hier war. Ich habe keine Ahnung, wo und wie der das verdaut.
Als die Kommissarin ihr Aufnahmegerät ausschaltet, ist die Sonne aufgegangen. »Steinbockmensch«, sagt sie kopfschüttelnd. »Der Typ muss wirklich besoffen gewesen sein.«
»Auf jeden Fall«, sagt Andri ernsthaft.
Gian und Jonas behaupten, überhaupt nicht müde zu sein, aber als Andri sie überredet, ins Bett zu gehen, schlafen sie sofort ein.
Wir legen uns auf die Ofenbank, was bei der schmalen Fläche maximale Nähe bedeutet. »Fauna, Flora, Habitat«, murmelt Andri mit Blick auf den Ordner, der neben uns auf dem Tisch liegt. Er kuschelt sich an meine Schulter. »Ich werde mich nie wieder über deine altmodische Liebe zu Papierdokumenten lustig machen.«
Er schläft kurz danach ein und ich lausche seinen tiefen, ruhigen Atemzügen. Ich bin hellwach und gleichzeitig todmüde.
Urgroßvater Luc nickt mir zu, als ich zum Tresen schlurfe. »Gut gemacht, Urs.«
»Danke.« Ich schlucke. »Aber was … was kann ich tun, damit …«
»So etwas nicht noch mal passiert?« Er schüttelt den Kopf. »Gar nichts. Leider. Die Hütte hier oben ist der beste Schutz. Dass doch alle paar Jahrzehnte mal ein Idiot hier auftaucht, können wir nicht verhindern.« Er blinzelt nachdenklich. »Aber das Gute ist«, fährt er fort, »bisher gab es immer nur einen Mordversuch pro verfluchtem Familienmitglied. Und den, der Andri galt, hast du vereitelt. Jetzt wird er ein langes, glückliches Leben leben.«
Er sagt es mit so viel Pathos, dass ich die Augenbrauen hochziehe.
»Jaja«, sagt Luc und zuckt mit den Ohren, als wolle er Fliegen verjagen. »Ich weiß. Aber ich möchte einfach glauben, dass es stimmt.«
Ich sehe zu Andri, der auf der Ofenbank schläft, die Hände als Kissen unter dem Kopf, ein Lächeln im Gesicht.
Ich auch, denke ich. Ich auch.



Foto: Sara Habermacher