Die Sicht der Dinge (Andri)

Ich küsse Urs auf die Schulter und schwinge die Füße aus dem Bett. Normalerweise dreht er sich einfach um und schläft weiter, aber heute blinzelt er mich kurz an und murmelt: »Guten Morgen, Frühaufsteher.«

Mein Tag beginnt in der Saison um halb fünf, einer absolut inakzeptablen Zeit, wie Urs betont, denn er ist – eigentlich unglaublich für einen dermaßen hyperkorrekten Menschen – Langschläfer. Und Morgenmuffel. Nach ein paar missglückten Versuchen mit gemeinsamem frühen Aufstehen, haben wir die wenigen, kostbaren Tage im Monat, die wir zusammen verbringen können, einfach anders aufgeteilt.

»Hei«, gebe ich zurück und streiche ihm die Haare aus der Stirn. »Schlaf weiter.«

Stattdessen reißt er die Augen auf und setzt sich aufrecht hin. »Ich … ich kann dich sehen.«

Ich lache. »Ich würde mir sonst auch Sorgen um deine Augen machen.«

»Nein, nein« – Urs macht eine wedelnde Handbewegung. »Ich meine, richtig sehen. Deine Hörner. Das Fell.«

Liegender Steinbock vor Berggipfel

Foto: Luka Vilfan auf unsplash

Wir gucken beide gleichzeitig aus dem Fenster. Kein Mond ist in Sicht, und für Vollmond ist es ohnehin zwei Wochen zu früh.

»Das kann nicht sein«, sage ich langsam. Meine Steinbock-Seite ist für andere nur bei Vollmond sichtbar, Punkt. Das war schon immer so. Seit der Pubertät kann selbst meine Mutter nur noch bei vollem Mondlicht meine Steinbockseite erkennen. Als ich klein war, war das anders, aber jetzt …

Ich ertappe mich dabei, dass ich diese mahlende Kieferbewegung mache, die Urs als Wiederkäuen bezeichnet und die er sonst immer mit einem amüsierten Grinsen kommentiert. Heute nicht.

»Du bist noch im Halbschlaf«, sage ich hoffnungsvoll. Er sieht allerdings hellwach aus, zumindest für Urs-um-halb-fünf-Verhältnisse.

Er schüttelt prompt den Kopf. »Findest du das irgendwie … schlimm?«

Ich kaue noch eine Runde. Der Steinbock ist für meine Familie einfach der exotische Teil von mir. Ein seltener, Vollmond-abhängiger Gast, der schnell wieder verschwindet. Mag Urs exotische Dauergäste? Ich habe einen bitteren Geschmack zwischen den Zähnen.

»Nein, kein Problem«, sage ich und stehe auf. »Ich muss los.«

»Klar.« Ich bekomme einen seiner prüfenden Inspektorenblicke. »Bis später.«

In der Küche laufe ich im Automatikmodus. Ich koche Kaffee und Tee, fülle die Thermoskannen, forme Brote aus dem Teig, den ich am Vorabend angesetzt habe. Viele meiner Gäste sind überrascht, dass ich mir die Mühe mache, selbst zu backen, aber es ist eine Frage der Ökonomie. Mehl hier heraufzutragen ist leichter, als Dutzende von unhandlichen Brotlaiben, die dann womöglich verderben. Und ich liebe den Geruch von frischem Brot. Ich stelle Aufschnitt und Butter aufs Buffet, danach wecke ich die Kellner. In diesem Sommer sind Gian und Jonas hier, zwei junge jährige Großcousins von mir aus dem Dorf. Während die Jungs sich aus dem Bett quälen, versorge ich schon mal die erste Runde der Gäste. Bis zur Unterbachhütte, halb auf Talhöhe, sind es gute zwei Gehstunden, die Drei-Kronen-Hütte, die noch weiter oben liegt als wir, ist sogar knapp fünf Stunden entfernt. Wer in der Steigerhütte übernachtet, will in der Regel weiter hoch und nicht zurück, und die erfahrenen Wanderer brechen zwischen 6 und 7 Uhr auf.

Spätestens um 8 Uhr ziehen die letzten los, und danach kommt Urs ausgeschlafen und gut gelaunt zum gemeinsamen Frühstück. Wir genießen dieses Ritual sonst beide, aber heute tische ich auf, was die Küche hergibt – und lasse ihn sitzen. Ich murmele etwas von Vorratskammer säubern, was tatsächlich mal wieder dran ist, aber natürlich nicht unbedingt heute. Ich muss nachdenken.

Die Vorratskammer ist groß und voll und es dauert mit dem Putzen. Die Gummihandschuhe zum Saubermachen kaufe ich in Übergröße, weil sie bequemer sind, und unter den unförmigen knallorangen Dingern nicht klar zu erkennen ist, was sich dahinter verbirgt. Es ist ein bisschen wie bei Schrödingers Katze. Es könnten Hufe sein, aber auch Hände. Ich schrubbe den Boden der Kammer, bis er glänzt, schütte den letzten Eimer mit dem Wischwasser aus und überlege, was ich noch tun kann. Den Hühnerstall ausmisten und neu kalken. Das dauert Stunden.

Ich sperre die Hühner aus, schaffe den Mist weg und mische den Kalk an. Die Hühner sind über die Störung ziemlich empört, ich mache das sonst immer im Winter, wenn sie unten im Tal sind.

Als ich beim Anfeuchten der Wände bin, guckt Urs kurz durch die Stalltür und bietet mir seine Hilfe an, aber ich lehne ab. »Könntest du die Küche übernehmen?«, frage ich stattdessen. »Die Jungs können dir helfen.« Ich bekomme den zweiten prüfenden Blick aus seinen Drei-Farben-Augen für heute und ein Nicken, dann bin ich den ganzen Tag im Stall allein.

Es ist Urs freier Tag, er könnte auch sagen, dass er keinen Bock hat, den in der Küche zu verbringen. Dass es meine Sache ist, meine Arbeit zu erledigen und gleichzeitig damit klarzukommen, dass ich plötzlich konstant sichtbar bin. Aber er sagt kein Wort. Er sieht, dass etwas getan werden muss und erledigt das, fertig. Ich bewundere diese Eigenschaft sehr, aber heute bringt sie mich nur noch mehr durcheinander. Er könnte ja auch sauer auf mich sein und mit mir streiten. Mich zwingen, meinem Problem in Auge zu sehen … Aber gerade weil er weiß, dass ich darauf hoffe, tut er es nicht.

Das Kalken ist eine schmutzige, anstrengende Arbeit. Wenn der Kalk sich mit den Harnrückständen an den Stallwänden verbindet, riecht es penetrant nach Ammoniak. Aber gegen mein Gedankenkarusell hilft das leider alles nicht. Als ich am späten Nachmittag müde und dreckig unter die Dusche gehe, bin ich noch genauso verwirrt wie morgens. Auf dem kleinen Spiegel im Bad sehe ich aus wie immer, soweit man das bei der Fläche beurteilen kann. Ich kann auch ohne Mondlicht beide Seiten von mir sehen. Es ist wie ein Schalter, den ich umlege, je nachdem, was ich gerade bevorzuge.

In der Gaststube läuft der Betrieb wie geschmiert. Gian und Jonas haben alles im Griff und Urs schmeißt die Küche. Das ist total großartig, aber jeder Blick von ihm verunsichert mich. Ich kann dich sehen.

Zum Glück ist es an diesem Abend auf der Hütte nicht voll. Die Küche schließt um neun Uhr, aber ich bleibe hinter dem Tresen und kümmere mich um die Getränke. Ich poliere jedes Glas dreimal, während Urs in einer Ecke sitzt und liest, den Rücken gegen den Kachelofen gelehnt, sodass er den Raum im Blick hat, aber mich nicht direkt ansieht. Wir haben den ganzen Tag nicht mehr als fünf Sätze gewechselt. Gian und Jonas spielen Karten mit den Gästen und lauschen den unwahrscheinlichen Bergabenteuern, die Wanderer naturgemäß zum Besten geben. Eigentlich ist das mein Job.

Viele Gäste kommen jedes Jahr wieder hier hoch und haben mich schon als Kind gekannt, und umgekehrt kenne ich sie und ihre Familien. Im Sommer ist es oft wie ein einziges, großes Zusammentreffen, das auch sehr laut werden kann. Allerdings schicke ich um zehn immer gnadenlos alle ins Bett. Zum einen, weil ich am nächsten Morgen keine übermüdeten Wanderer auf den anspruchsvollen Routen hier oben sehen möchte, zum anderen, weil ich dann eine Pause brauche. Und wenn Urs hier ist, will ich so viel Nacht wie möglich mit ihm verbringen. Schläfst du eigentlich nie?, hat er mich am Anfang ein paarmal ungläubig gefragt, bevor wir dieses kleine nächtliche Update zum Thema Steinbockmensch hatten.

Den ganzen Abend über fühle ich immer wieder mal seinen Blick auf mir, aber er hält Abstand.

»Was ist denn los mit dir, Andri?«, fragt Luc, als der letzte Gast im Schlafsaal verschwunden ist und auch Urs und die Jungs sich verabschiedet haben. »Erst rennst du den ganzen Tag herum wie ein aufgeschrecktes Huhn, lässt Urs für dich kochen, und dann sagst du den ganzen Abend keinen Ton.«

»Nichts ist«, behaupte ich. Luc kneift die Augen zusammen und legt die Ohren an. Er hängt schon seit Jahrzehnten in der Hütte und kann Lügen auf einen Kilometer Entfernung riechen.

»Urs kann mich sehen«, platze ich heraus. »Ganz. Und ohne Vollmond.«

Lucs Pupillen weiten sich kurz und seine Ohren zucken nach vorne. Dann lässt er sie wieder lässig zur Seite sinken und fängt mit einer mahlenden Kieferbewegung an.

»Ja«, sage ich. »Das habe ich auch schon versucht.«

»Naja…« Luc stellt das Kauen ein. »Das ist eine ziemlich große Sache. Gab es noch nie in der verfluchten Linie, zumindest habe ich noch nie davon gehört.«

Sehr hilfreich.

»Es ist keine große, sondern eine gigantische Sache«, sage ich. »Was soll ich jetzt tun?«

»Heirate ihn«, sagt Luc trocken. »Nein, im Ernst, was meinst du mit, Was soll ich tun? Es ist, wie es ist. Und wir reden hier über Urs, oder? Nimm es an und freu dich drüber.«

»Kann ich nicht«, sage ich kläglich. »Ich fühle mich irgendwie … bloßgestellt. Ich weiß, dass das Quatsch ist aber …« Ich zucke mit den Schultern.

Luc nickt. »Kann ich verstehen. Immer sichtbar zu sein ist ein bisschen wie nackt dastehen. Obwohl es das ja gerade nicht ist, mit dem Fell, meine ich.« Er grinst anzüglich.

Urgroßväter mit hundert Jahren Erfahrung sind wirklich sowas von überhaupt nicht hilfreich. Ich poliere weiter Gläser und Tresen, bis ich sicher bin, dass Urs schon schläft, dann gehe ich in unsere Kammer.

Wo er mit müden Augen auf dem Bett sitzt und, die Arme um die Knie geschlungen, auf mich wartet.

Ich setzte mich neben ihn und streife meine Mütze ab. Diese Verkleidung ist eigentlich überflüssig, aber ich habe als Teenager damit angefangen und sie ist einfach zur Gewohnheit geworden. Ich weiß, dass auch ohne Mütze niemand meine Hörner sehen kann, solange ich nicht vom Vollmond beschienen werde. Ich weiß, dass meine Hufe auch ohne Handschuhe wie menschliche Hände aussehen. Theoretisch. Der Fluch ist da gnädig, sonst würde es mein Leben als Hüttenwirt gar nicht geben. Hufe ohne Schuhe würden allerdings wie nackte Füße wirken, das würde nicht zu einem Wirt passen. Schuhe müssen also unbedingt sein.

Urs sitzt nur da und sieht mich an, ohne einen Ton zu sagen. Ich werfe die Mütze auf den Stuhl und die Handschuhe auf den Nachttisch.

»Der ganze Kram nützt mir jetzt eh nichts mehr, oder?«, sage ich, und es klingt ziemlich patzig. »Mein Fell kannst du ja trotzdem sehen.«

Urs nickt.

»Du kannst es doch noch sehen, oder?«, frage ich vorsichtig.

Urs seufzt. »Ja, ich kann es immer noch sehen. Ich fürchte, das geht auch nicht wieder weg. Die einzige Lösung, wenn …. wenn du nicht möchtest, dass … also wenn es dich stört, dann … könnte ich gehen.«

Ach du scheiße. Sein Ton ist total ruhig und vernünftig, aber da ist ein winziges Zittern in seiner Stimme. Das habe ich also mit meinem Versteckspiel den ganzen Tag erreicht. Dass er sich schuldig fühlt, weil ich mich wie ein bockiges Kitz aufführe.

Ich greife nach seiner Hand und halte sie fest. »Ich will auf keinen Fall, dass du irgendwohin gehst. Aber ich … es gibt niemanden, der mich sehen kann, bisher. Und es macht mir eine Riesenangst.«

»Das habe ich gemerkt«, meint Urs trocken. Er streicht mit dem Daumen über meine Hand und fährt mit der anderen Hand sanft durch mein Fell. »Ich finde es toll«, sagt er. »Ich finde dich toll, Andri. Ich dachte, das hättest du vielleicht in den letzten Wochen mal mitbekommen.« Er sagt es so sachlich, so wir-zählen-mal-die-Fakten-auf-mäßig, dass ich kichern muss.

»Ja, aber ich kann es nicht oft genug hören«, sage ich. »Das ist so ein Steinbock-Ding. »Durch den dicken Schädel dringen manche Sachen nicht so richtig durch.«

»Hm«, sagt Urs und fährt mit den Fingern federleicht an meinen Hörnern entlang.

Mein Herzschlag beschleunigt sich. Hörner sind alles andere als totes Material. Sie haben im Inneren Hornzapfen, die durchblutet und mit Nerven versehen sind. Es ist kein so unmittelbares Gefühl wie bei einer Berührung der Haut, aber gerade dieses leicht Unbestimmte ist ziemlich aufregend.

»Dann muss ich mir wohl irgendwas ausdenken, was in deinem Dickschädel ankommt«, sagt Urs.

Er berührt eine sehr empfindliche Stelle hinter meinen Ohren und ich atme scharf ein. Ich will ihn näher zu mir ziehen – und er schlägt mir mit voller Wucht ein Kopfkissen vor die Stirn.

»He!«

Ein neuer Schlag mit dem Kissen und wir sind mitten drin in einer Schlacht. In den nächsten Minuten müssen auch Bücher, Bettdecken, Socken und meine Mütze als Wurfgeschosse herhalten. Urs ist ein guter Stratege. Ich bin zwar stärker, aber er ist geschickter. Die Nachttischlampe geht zu Bruch, und eins der Kissen spuckt Füllung aus. Es dauert, bis ich ihn unter mir auf der Matratze festnageln kann. Im Zimmer herrscht Chaos. Einer meiner Schuhe hängt an der Deckenlampe und die Handschuhe sind irgendwie aus dem Fenster geflogen. Wir sind beide außer Atem vor Lachen.

»Ishihara«, sagt Urs, mit blitzenden Augen.

»Was?«

»Ich wollte dir das schon heute Morgen erklären, aber du hattest ja diesen Putzanfall. Kennst du diese Tafeln mit verschiedenfarbigen Punkten drauf, auf denen man Zahlen erkennen soll? Das sind Ishihara-Tafeln.«

Ich kann mich vage an einen Sehtest mit Farbtafeln vor meiner Einschulung erinnern.

»So sehe ich dich. Je nachdem, worauf ich mich mehr konzentriere, hast du deine Steinbock-Attribute oder eben nicht.«

Ich schlucke, lasse seine Arme los und rolle von ihm runter. »Ich … das ist bei mir genauso«, sage ich. »Schon immer.«

Urs stützt sich auf den Ellenbogen und streicht langsam über meine Schulter.

Ich rücke mich etwas zurecht und Urs Hand gleitet über meine Rippenbögen. Er hat so eine bestimmte Art zu streicheln, sanft, und immer mit den Fingerspitzen. Wenn ich eine Katze wäre, würde ich jetzt schnurren.

»Ishihara klingt gleich viel cooler«, sage ich mit geschlossenen Augen.

»Wenn dich das beruhigt, kann ich mir gerne einen speziellen Fachausdruck für das Sehen von Halbsteinböcken ausdenken«, murmelt Urs.

»Brauchst du nicht. Ich werde mich daran gewöhnen. Und ich kenne niemanden, von dem ich lieber gesehen werden will als von dir«, sage ich. »Auch wenn es den ganzen Tag und einen Hühnerstall gedauert hat, bis ich das gemerkt habe.«

Er schubst mich auf den Rücken und stützt sich mit den Ellenbogen leicht auf meiner Brust ab.

»Schade«, murmelt Urs und küsst mich kurz. »Es gibt bestimmt noch ein paar Schränke hier, die dringend mal geputzt werden müssten.«

Ich muss lachen, aber mehr wegen seiner spitzen Ellenbogen als wegen der Schränke. Ich habe immer noch den Geruch von Ammoniak in der Nase. Ich küsse ihn zurück.

Wir reden hier über Urs, oder?, hat Luc gesagt. Eben, denke ich, und weiß plötzlich nicht mehr, warum ich so in Panik geraten bin. Es geht um Urs. Alles ist gut.