Trittschäden (Urs)

Foto: Marc Kargel, unsplash

Der Handyempfang im Betrunkenen Steinbock ist grottenschlecht. Mehr als einen Balken Empfang hat man nur, wenn man aufs Hüttendach klettert. Deshalb habe ich mir schon lange abgewöhnt, Andri eine Nachricht zu schicken, wenn ich im Tal losgehe. Trotzdem schafft er es immer irgendwie, da zu sein, wenn ich ankomme. Er steht dann in der Tür der Hütte, ein Küchenhandtuch über der Schulter, und lächelt mir entgegen. Nur heute nicht.

Ich trete in die fast leere Gaststube. Nur zwei Gäste sitzen am Fenster und löffeln Eintopf. Vom Service ist niemand in Sicht. Ich sehe fragend zum ausgestopften Steinbockkopf hoch, der über dem Tresen hängt. Andris Urgroßvater Luc und ich sind immer noch keine Freunde, aber wir wechseln ab und zu ein paar Worte. Er hat Andri auch nicht noch einmal aufgefordert, mich in die Schlucht zu werfen. Tagsüber, wenn Gäste da sind, verhält Luc sich normalerweise natürlich ausgestopft, aber heute verdreht er kurz die Augen in Richtung Geheimecke und nickt mir auffordernd zu.

Die Geheimecke besteht aus einem kleinen Tisch mit einer Eckbank, auf der hinteren Seite des Kachelofens. Sie ist von der Gaststube aus nicht zu sehen und wird selten benutzt. Eigentlich nur, wenn Andri ungestört mit jemandem reden will.
»Nein!«, höre ich seine Stimme, so laut und energisch, dass einer der beiden Gäste seinen Löffel fallen lässt.

Andri sieht auf, als ich um die Ecke des Ofens biege. Seine sonst goldbraunen Augen sind dunkel wie nasser Fels und sein Lächeln blitzt nur ganz kurz auf. Ihm gegenüber sitzt ein Paar in den 40ern, das ich nicht kenne. Beide tragen Funktionskleidung, die aussieht, als hätte sie schon mehrere Unwetter überstanden, und ihre sonnengebräunten, gefurchten Gesichter sprechen für ein Leben im Freien.

»Urs.« Andri steht auf und umarmt mich, dann nickt er den beiden Besuchern zu. »Das hier sind Claudia und Leon.«

»Wir haben schon von dir gehört«, sagt Claudia, als sie meine Hand schüttelt, und Leon lächelt freundlich.

Ich setze mich, wir tauschen ein paar Höflichkeitsfloskeln über den Aufstieg und das Wetter aus, dann herrscht unbehagliches Schweigen. Auch wenn Leon nicht auf die Maserung der Tischplatte starren und Claudia immer wieder nervös an ihrem Wasserglas nippen würde, wäre das ungewöhnlich. Andri kann normalerweise auch den zugeknöpftesten Besucher dazu bringen, ihm innerhalb von fünf Minuten seine Lebensgeschichte zu erzählen.

»Ich, ähm, packe dann mal meine Sachen aus«, sage ich schließlich, und sofort springt Andri auf.

»Ich helfe dir.«

»Bitte überleg es dir noch mal, Andri«, sagt Leon. »Die Bezahlung ist echt gut und–«

»Die Bezahlung interessiert mich nicht«, sagt Andri.

»Aber die Tiere interessieren dich«, sagt Claudia. »Gerade deshalb–«

»Sollte ich es nicht tun«, unterbricht Andri sie mit blitzenden Augen.

Ich verstehe kein Wort. »Was ist denn los?«

Leon seufzt. »Wir sind damit beauftragt worden, ein Monitoring des aktuellen Steinbockbestands hier im Gebiet durchzuführen. Deshalb haben wir Andri um Mithilfe gebeten.«

»Er weiß mehr über die Aufenthaltsorte der Tiere und kommt näher an sie heran als irgendjemand sonst. Wir hätten verlässlichere Zahlen«, erklärt Claudia.

»Ich habe euch vor zwei Jahren geholfen und daraufhin wurden Tiere abgeschossen«, sagt Andri durch zusammengebissene Zähne.

»Das stimmt«, erwidert Leon. »Aber manchmal ist eine Entnahme notwendig. Zu hohe Bestände führen zu Trittschäden am Bewuchs, die Bodenerosion nimmt zu und–«

»Trittschäden?«, wiederholt Andri, mit Eis in der Stimme. »Ist das dein Ernst?«

»Auch die Verbissschäden und die Fegeschäden am Baumbewuchs können zum Problem werden«, sagt Claudia zu mir gewandt, als wolle sie mich als Vermittler einschalten. Ich habe leider keine Ahnung, wovon sie spricht.

»Wir leben mitten in einem menschengemachten Klimawandel.« Andris Stimme klingt wie eine Messerschneide auf dem Wetzstein. »Die Alpen sind davon stärker betroffen als jede andere Region. Wir erleben in immer kürzeren Abständen Hangabbrüche und Bergstürze, weil der Permafrost schwindet und der Zusammenhalt des Bodens sich verändert.«

»Das ist richtig«, sagt Leon, »aber die Trittschäden durch den Hufwildbestand–«

Andri hebt die Hand, und Leon verstummt. »Wir haben in diesem Winter mehr Lawinentote in den Alpen gehabt als in den zwölf Jahren zuvor – und das nicht nur, weil immer mehr Menschen sich in Gebieten bewegen, in denen sie nicht zu suchen haben. Sondern auch, weil sich der Zusammenhalt der Schneeschichten durch die steigenden Temperaturen verändert.«

Irgendwie ist Andri mit jedem Satz größer geworden.

»Und ihr macht euch Sorgen um Trittschäden? Es sind Menschen, die den ganzen Scheiß zu verantworten haben, nicht die Steinböcke. Aber genau die lasst ihr dafür bezahlen.«

Er stößt seinen Stuhl zurück und stürmt in Richtung Küche davon. Eine Tür knallt ins Schloss. In der Gaststube ist es totenstill und ich bin froh, dass der betrunkene Steinbock weder auf den üblichen Karten noch auf social media zu finden ist. Durchgedrehter Wirt schreit seine Gäste an…  Musste 30 Minuten auf den Service warten und bin dann gegangen … Ich sehe die Kommentare schon vor mir.

»Tut mir leid.« Claudia sieht betreten auf die Tischplatte. »Wir wollten Andri wirklich nicht ärgern.«

»Ich glaube, wir gehen jetzt besser«, sagt Leon.

Gute Idee.

Leon steht auf und zippt seine Jacke zu. »Falls er es sich anders überlegt …« Er sieht mich bittend an.

»Ich rede mit ihm«, sage ich, in möglichst neutralem Ton. Ich begleite die beiden bis zur Tür. Hinter ihrem Rücken neigt Luc drohend die Hörner, zum Glück sieht es niemand. Die Gaststube ist leer, auf einem der Tische liegt in einem hastig hingeworfenen Haufen Kleingeld für die Rechnung. Ich sehe zu Luc hoch.

»Hausberg? Hühnerstall?«

»Hintertür«, sagt Luc.

Andri sitzt hinter der Hütte auf den steinernen Stufen des Küchenausgangs. Von hier aus hat man einen schönen Blick über einen mit Felsbrocken übersäten Hang und das Berggipfelpanorama. Er sitzt manchmal hier, wenn er in der Küche eine Pause braucht. Normalerweise schaut er einfach in die Weite und atmet ein bisschen Bergluft ein. Heute zupft er Halme aus den mageren Grasbüscheln auf der Erde und zerquetscht sie zwischen den Fingern zu grünem Brei.

Ich setze mich und lege einen Arm um seine Schultern.

»Es stimmt, dass die Steinböcke keine Angst vor mir haben«, sagt Andri leise. »Deshalb komme ich so nah an sie ran.«

Ich stelle ihn mir inmitten einer Steinbockherde vor. Auf einem Hochplateau, bei Sonnenaufgang. Eine Familie ohne Höhenangst, mit einer Vorliebe für schmale Pfade und Abgründe. Ich spüre einen Filetiermesser-ähnlichen Stich Eifersucht. »Das muss ziemlich toll sein«, sage ich.

»Ja«, erwidert Andri. »Aber ich gehöre trotzdem nicht dazu. Ich bin für sie kein Mensch, aber auch kein Artgenosse. Ich bin einfach nur da. Wie ein Stein oder so.«

Er macht diese mahlende Bewegung mit dem Kiefer, die mich immer an Wiederkäuen erinnert.

»Es ist gut, ab und zu ein Stein zu sein. Ich mag das. Und ich mag die Steinböcke. Ich möchte nicht, dass irgendein Tier aus der Herde abgeschossen wird, weil es statistisch gesehen zu viel ist. Weil ich es vorher gezählt habe.«

»Das verstehe ich.«

Andri atmet aus, legt den Arm um meinen Rücken und lehnt sich an mich.

»Es ist nur … Wenn ich Claudia und Leon nicht beim Monitoring helfe, werden sie selbst hochsteigen. Sie sind gute Bergsteiger, aber trotzdem viel gefährdeter als ich. Wenn ihnen etwas passiert, werde ich mir das nie verzeihen. Wir kennen uns schon lange, sie sind wirklich in Ordnung. Aber ich kann ihnen nicht helfen. Ich will ihnen nicht helfen.«

Andri lässt den Grasbrei aus seiner Hand fallen und reißt neue Grashalme ab. »Weißt du, wenn ich die Steinböcke besuche, habe ich nach einer Weile genug davon, ein Stein zu sein. Dann muss ich wieder runter zur Hütte und unter Menschen. Aber hier muss ich immer aufpassen, dass meine Steinbockseite nicht zu sehen ist. Weil ich nicht darauf vertrauen kann, dass alle sie akzeptieren.« Seine Hand mit dem Gras ballt sich zusammen. »Ich gehöre weder zu den Steinböcken noch zu den Menschen.«

»Du gehörst zu beiden«, sage ich vorsichtig. Ich habe mich schon oft gefragt, wie Andri das macht, diese Balance zwischen Steinbock und Mensch. Er hat sich nie beklagt. Immer wirkt er, als wäre alles okay.

»Ja.« Die nächste Ladung Grasbrei landet auf dem Boden. »Und nein. Es ist nicht so, als hätte ich eine Wahl. Ich gehöre zu keiner Seite ganz. Und egal, wie ich mich in dieser Sache entscheide, es ist immer falsch.«

Ja, das ist es. Und ich kann ihm nicht mal dabei helfen.

Ich schweige wohl etwas zu lange, denn Andri stupst mich mit dem Ellenbogen an. »He. Ich dachte, dein Job als Freund ist es eigentlich, mir jetzt zu widersprechen.«

»Das würde ich auch gerne. Aber du hast recht. Es ist eine klassische Lose-lose-Situation.«

Andri seufzt. »So weit war ich auch schon.«

»Und du willst garantiert nicht hören, dass dein Steinbock-Mensch-Dasein dir neue Chancen und Sichtweisen eröffnet.«

»Himmel, nein.« Andri lacht ein kleines, zittriges Lachen.

»Ich glaube dir, dass dein Leben schwierig ist.«

»Ach, na ja.« Andri schiebt mit dem Schuh ein paar Steinchen beiseite. »Meistens ist es das gar nicht.«

»Doch«, widerspreche ich. »Ist es. Du bist so etwas wie ein … ein Fabelwesen in einer digitalen Welt. Du bist … unvorhergesehen. Das macht dein Leben kompliziert. Geradezu umfangreich schwierig. Aber auch absolut fantastisch. Und–«

»Ich weiß, ich bin ein heftiger Typ.« Andris Augen funkeln. »Sag jetzt bitte nicht, du hast eine Liste mit den Vor- und Nachteilen des Mensch-Tierwesens im Kopf.«

»Hmja«, muss ich zugeben.

»Wie lang ist sie?«

»Sie ist … mehr ein Buch. Mit vielen Seiten.«

Andri schüttelt den Kopf und grinst.

»Und ich bin auf all diesen Seiten dein Freund.« Ich halte die Luft an. Ich meine es so, wie ich es gesagt habe, aber womöglich war das zu viel. Wir sind noch nicht lange zusammen, vielleicht–

»Das ist toll«, sagt Andri ernsthaft. »Danke.« Seine Augen sehen wieder aus wie Sonnenflecken auf Sand und nicht mehr wie nasser Fels. Wir rücken noch ein bisschen enger zusammen.

»Oi! Wo bleibt ihr denn?« Lucs Gemecker in der Gaststube dringt selbst durch die geschlossene Hintertür. »Die Gäste sind alle weg und mir ist langweilig.«

»Wir kommen später!«, ruft Andri über die Schulter. »Können wir noch ein bisschen so sitzen bleiben?«, fragt er dann.

»Die ganze Nacht, wenn du willst.«

Und das tun wir. Die Sonne geht unter und es wird kühl, aber uns ist nicht kalt. Der Himmel über unseren Köpfen ist voller Sterne und es ist auf eine große, sehr weite Art still. Die Bergspitzen ragen wie zackige Scherenschnitte in die Dunkelheit. Ich glaube, selbst wenn sie uns wahrnehmen würden, wären wir ihnen egal. Aber das macht nichts. Wir sind Steinböcke, Steine, Menschen, Steinbock-Menschen.

Wir sind furchtbar normal und außergewöhnlich fantastisch.

Wir sitzen auf der Schwelle und halten uns gegenseitig fest.