Gebrauchsanweisung für Hornträger

©weinimina
Man wird ziemlich schnell wach, wenn man sich nachts an seinen Freund kuschelt und die Hand auf einer mit Eiswürfeln gefüllten Wärmflasche landet. Ich zucke zurück und knalle mit dem Ellenbogen gegen die Schlafzimmerwand. Andris Kammer mit dem schmalen Bett ist zwar entschieden eine Verbesserung im Vergleich zum pieksigen Heuboden im Hühnerstall. Aber es ist halt alles recht eng.
»Die Eiswürfel regulieren in warmen Nächten meine Körpertemperatur«, erklärt Andri, nachdem mein erschrecktes Japsen ihn ebenfalls geweckt hat. Er knipst die Nachttischlampe an und setzt sich auf. »Tut mir leid, ich hätte dich vorwarnen sollen.«
Die Wärmflasche ist eine von diesen typischen dicken Gummiflaschen, diese hier ist knallrot. Als er sie schüttelt, höre ich Eiswürfelgeklirre. »Wozu brauchst du die? Hast du Fieber? Gestern Abend war doch noch alles in Ordnung?« Ich befühle seine Stirn, aber die hat ganz normale Temperatur.
»Nein, nein.« Andri schüttelt den Kopf. »Aber ich …« Er fährt sich mit der Hand durchs Gesicht. »Ich hatte ein bisschen Angst, dir gleich alles über meine Steinbockseite zu sagen. Der Fluch an sich ist ja schon schwer zu verdauen.« Er legt sich die Wärmflasche auf den Kopf.
Ich setze mich ihm gegenüber ans Fußende des Bettes in den Schneidersitz. »Ich habe einen sehr robusten Magen. Leg los.«
»Es ist aber ziemlich viel«, wendet Andri ein.
»Soll ich eine Liste machen? So eine Art Gebrauchsanweisung für Hornträger?« Es sollte ironisch klingen, aber Andri nimmt die Frage ernst.
»Wenn du möchtest.«
»Ich kann mir das bestimmt auch so merken.«
Er wirft mir einen skeptischen Blick zu. »Weil du ein so gutes Gedächtnis hast?«
»Weil es um Dinge geht, die dich betreffen«, sage ich, und schiebe ein leises »Idiot« hinterher.
»Oh. Okay.« Andri lächelt strahlend, was mit der Gummiflasche auf dem Kopf ziemlich lustig aussieht. »Das Problem ist, ich habe bestimmte Eigenschaften der Steinbockseite geerbt«, sagt er dann. »Nicht so durchschlagend, wie bei den wilden Steinböcken, aber trotzdem…« Er legt sich die Flasche in den Nacken und lehnt sich gegen das Kopfende des Betts.
Ich werde langsam nervös. »Du musst aber nicht im Frühling losziehen und Hornkämpfe mit anderen austragen, oder?«
Andri grinst. »Nein. Diese Rangordnungskämpfe sind sowieso eher im Sommer. Im Winter müssen alle ihre Ressourcen schonen, deshalb klären Steinböcke in der Regel schon vorher, wer der Boss ist. Aber mein Energielevel ist zum Beispiel im Frühling und Sommer deutlich höher als im Winter. Die Bewirtschaftung der Hütte mit achtzehn-Stunden-Tagen ist für mich kein Problem.«
Das habe ich schon gemerkt. Andris Tagespensum ist unmenschlich, aber er erledigt das alles scheinbar mit links.
»Ich brauche im Sommer einfach nicht viel Schlaf«, erklärt er. »Aber im Winter muss ich es gemütlich angehen lassen. Die Hütte ist dann ohnehin geschlossen, und wenn ich nicht bei meiner Familie unten im Dorf bin, lasse ich mich hier oben einschneien und chille ganze Wochen hindurch.«
Gott sei Dank. Und ich dachte schon, sein normales Sommerpensum mit Hüttenwirtschaft und Extremwandern geht im Winter mit Eisklettern und Heliskiing weiter. »Klingt doch gut«, sage ich.
»Das mit den Eiswürfeln ist wichtig, weil ich Hitze ganz schlecht vertrage. Und ich meine damit Temperaturen ab fünfzehn Grad. Steinböcke können nicht schwitzen, deshalb bevorzugen sie Höhenlagen. Bei mir ist es nicht ganz so extrem, aber ich schwitze sehr viel weniger als andere Menschen und kann deshalb meine Körpertemperatur schlecht regulieren.«
»Okay, Eiswürfel, Kühlpacks und Bergbäche sind deine Freunde. Ist notiert.«
»Dann ist da noch das Thema Essen«, sagt Andri, und ich weiß sofort, was er meint. Ich bin ein normaler Esser, aber Andri verzehrt im Vergleich mit mir nur halbe Portionen, obwohl er kräftig gebaut ist.
»Steinböcke ernähren sich sehr genügsam. Gras, Knospen und Buschwerk, im Winter auch Flechten. So etwas esse ich natürlich nicht, aber ich muss mich vegan ernähren, weil mir von anderen Sachen schlecht wird. Und natürlich auch weil es für mich nicht infrage kommt, Tiere zu essen.« Er schüttelt sich. »Außerdem bin ich generell schnell satt. Wenn ich darüber hinaus esse, setze ich sofort Fett an, und das nervt mich dann im Alltag, weil es mich schwerfällig und müde macht.« Andri zwickt sich selbst in den Bauch.
Ich atme auf. »Dann werde ich mir keine Sorgen mehr machen, dass du möglicherweise eine Essstörung hast.«
Andri lacht. »Nein, das musst du wirklich nicht.«
»Gibt es sonst noch was, was ich wissen sollte?«
Er zögert. »Also … Es passiert wirklich selten, aber …« Er nimmt die Kühlflasche aus seinem Nacken und drückt sie sich gegen den Bauch. »Der Winter ist wie gesagt die Paarungszeit bei Steinböcken.«
»Oh. Bedeutet das…?«
Andri grinst. »Keine Sorge, sexuelles Verlangen ist eher ganzjährig vorhanden.«
»Umso besser.«
»Hmja.« Er seufzt. »Aber ich bin im Winter manchmal reizbar und aufbrausend und, naja … insgesamt ziemlich unerträglich. Bisher hat das nur meine Familie mitbekommen, und von denen bekomme ich dann eine klare Ansage, wenn es mal passiert. Bitte gib mir einen Tritt vors Schienbein falls ich jemals … blöd werde.«
»Ich werde mir Schuhe mit Stahlkappen besorgen.«
»Sehr guter Plan.« Andri lächelt und knipst das Licht aus. Als er sich zu mir herüberbeugt, glaube ich ganz kurz die Schemen seiner Hörner zu sehen, aber das muss Einbildung sein, denn wir haben nur Halbmond. Und ich bin ohnehin zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt, um mir darüber weitere Gedanken zu machen.




