Der betrunkene Steinbock – Fortsetzung II
Der Fluch
»Es sieht wirklich nur so steil aus«, versichert Andri. Er blickt mit besorgt gerunzelter Stirn auf mich herab, seine Rastafarimütze sticht im Dämmerlicht bunt von dem Grau des Berges hervor. Auch wenn ich sie ohne Vollmond nicht sehen kann, bin ich sicher, dass er seine Steinbockohren aufmerksam nach vorne gerichtet hat, auf das Häufchen Elend zu seinen Füßen. Ich habe gerade mal die ersten zehn von zweihundert Metern Anstieg geschafft. Auf allen vieren.

»Es. Ist. Steil«, sage ich. Die Steinbockdefinition von Gefälle ist absolut nicht vertrauenswürdig.
»Vielleicht könntest du versuchen …«, setzt Andri an und verstummt. Ja, ich kenne schon alle Tipps. Nicht in den Abgrund schauen. Einfach einen Fuß vor den anderen setzen. Sich auf einen Punkt weiter vorne konzentrieren und darauf zulaufen. Ich habe alles ausprobiert und kauere trotzdem zitternd auf einem kleinen Flecken Felsen und Gras. Der Weg führt als schmaler Pfad nach oben auf den Gipfel, rechts und links ist gefühlt nur Abgrund.
Es ist Montag, Andris einziger freier Tag in der Woche. Unser dritter gemeinsamer freier Tag und mein dritter Versuch, den Hausberg hinter der Hütte zu erklimmen. Den Andri fast täglich hochsteigt, um mal kurz zu entspannen.
Steinbock und Stadtinspektor passen lebensraumtechnisch nicht so einfach zusammen. Das glaubt zumindest Andris gesamte Verwandtschaft. Mit dem Hüttenwirt liiert zu sein ist kein Soloprojekt – Andri ist ein ganzes Dorf. Es gibt Onkel und Tanten, die ihm die Vorräte für die Hütte aus der Stadt besorgen. Zwei Mal pro Woche holt Andri sie vom Materialaufzug auf der Unterbachhütte ab, fährt sie ein Stück mit dem Quad und trägt dann den Rest des Weges alles persönlich auf dem Rücken zum Betrunkenen Steinbock hoch. Anders geht es hier nicht.
Dann ist da noch seine Mutter, die nicht gut zu Fuß ist, aber telefonisch über alles, was auf der Hütte passiert, auf dem Laufenden gehalten wird. Und es gibt jüngere und ältere Cousins und Cousinen verschiedenster Verwandtschaftsgrade. Einige von ihnen helfen in der Sommersaison auf der Hütte aus. Und andere kommen an den Wochenenden herauf, um Andri zu besuchen, lange Spieleabende zu veranstalten und den neuesten Klatsch von Berg und Tal auszutauschen.
Natürlich wurde ich erstmal ausgiebig beäugt. Es war hilfreich, dass ich kochen kann, ein ganz solider Kartenspieler und offensichtlich verliebt bin. Allerdings hatte Niklas (Cousin 3. Grades) schon beim ersten Händedruck verkündet, dass ich überhaupt nicht Andris Typ bin und Marie (Cousine 2. Grades) hat nach ihrem dritten Bier erklärt, dass ich sicher »wieder nur eine Saisonliebe« sei. Was das heißt, wollte Andri mir nicht sagen, aber ich kann es mir denken.
Das Dorf, wie ich Andris Verwandtschaft im Stillen nenne, ist aber nicht das Problem. Meine Höhenangst ist es. Ich will Andri beweisen, dass ich mehr als nur eine Saison haltbar bin. Und die Hobbys eines Hüttenwirts bestehen nun mal nicht aus Boule spielen und Rückenschwimmen. Wenn Andri frei hat, trabt er die Gipfel der Umgebung hoch (das kann man wörtlich nehmen) und läuft über Steilhänge und Klettersteige, nur so zum Spaß. Und so wie es im Moment ist, bleibt er entweder mir zuliebe auf der Hütte, was ich hasse. Oder ich schaffe den verdammten Berg.
Andri hebt den Kopf und atmet tief die klare Luft ein. Wir sind so früh aufgebrochen, dass noch keine anderen Wanderer unterwegs sind, und er trägt zwar die Mütze, aber keine Schuhe. Auch wenn seine Steinbockseite nur in Vollmondnächten zu sehen ist, ist er extrem vorsichtig. Er hat normalerweise immer Schuhe über den unsichtbaren Hufen, seine Rastafari-Mütze über den Hörnern, und außerhalb der Küche immer Kellnerhandschuhe an. So wie er jetzt hier steht, barfuß, mit blitzenden Augen, die Gipfel ringsum im Hintergrund, sieht er aus wie der König der Berge. Was ich unglaublich sexy finden würde, wenn ich nicht solche Angst hätte.
Er kauert sich neben mich, wie damals, auf dem Felsplateau. »Ich hab eine Idee«, sagt er. »Ich erzähle dir von meinem Familienerbe.« Er grinst. »Du weißt schon. Die Steinbocksache. Der Fluch.«
»Wirklich?« Ich setze mich zögernd auf. Weder Andri, noch sein ausgestopfter Urgroßvater Luc, noch das Dorf haben jemals darüber gesprochen.
Andri lacht. »Ich wusste, dass du total scharf auf die Geschichte bist, dich aber nicht traust, zu fragen. Weil du es für politisch unkorrekt hältst oder so.«
»Naja. Ist es doch auch, oder? Das ist, als würde ich jemanden fragen, warum er rote Haare hat. Solange du mir nichts sagst, geht es mich nichts an«, murmele ich und stelle mich aufrecht hin. Puh. Nicht nach unten sehen. Oder zur Seite. Am besten nach vorne, in Andris goldbraune Augen.
Er streckt seine Arme aus und hält mich an den Schultern fest. Sein Blick wird ernst. »Andere Leute hätten da weniger Skrupel, das kannst du mir glauben.« Er kommt noch näher und lehnt seine Stirn an meine und ich atme seinen Geruch ein, nach Bergwiese und sonnenwarmem Fell, und dann küssen wir uns. Lange. Danach ist mir immer noch schwindelig, aber wenigstens nicht wegen des Abgrunds.
Andri lässt mich los und geht rückwärts ein paar Schritte den Berg hoch, den Blick auf mich gerichtet. »Alles begann vor gut …«, sagt er, und ich muss ihm folgen, um das Satzende zu verstehen, »zweihundert Jahren. Damals waren die Steigers unten aus dem Dorf ziemlich besessen von der Jagd.«
Er dreht sich um und hüpft trittsicher ein paar Schritte weiter. Es sieht so leicht aus. Ich konzentrierte mich auf seine Füße auf dem Boden und folge ihm.
»Sie waren bei jedem Wetter und zu jeder Jahreszeit in den Bergen um zu jagen«, sagte er über die Schulter. Er bleibt stehen, bis ich aufgeholt habe und geht dann weiter, wieder im Rückwärtsgang.
»Mein Urururururgroßvater« – Andri zählt an seinen Fingern ab – »doch, das stimmt. Also: Hans hieß er und er war besonders versessen auf Steinböcke.« Er verzieht sein Gesicht. »Es wird ihm nachgesagt, dass er allein in einer Saison fünfzehn Tiere erlegt hat. Es waren so viele, dass es Unruhe gab im Dorf, selbst damals, als man von einem erlegten Tier noch alles verwertet hat und ein toter Steinbock mit einem vollen Bauch gleichzusetzen war.«
Mist, ich habe nach unten gesehen. Rechts von mir gähnt ein Abgrund, alles schroffe Felswand und freier Fall. Ich fröstele, obwohl ich vom Anstieg schwitze.
»Von Unverhältnismäßigkeit war die Rede«, sagt Andri. »Aber Hans war das egal.«
»Warte mal«. Meine Beine zittern. Die majestätischen Gipfel um uns sehen schweigend und gleichgültig zu, wie ich mich hinkauere und an einem mageren Grasbüschel festkralle. »Wenn du sagst, es ist gut zweihundert Jahre her und es geht um deinen fünf Mal Ur-Großvater-«
»Ja?«, fragt Andri.
»Ich versuche nur, die Zeitlinie zu verifizieren«, murmele ich und nehme seine ausgestreckte Hand, die mich wieder auf die Füße zieht. »Wir reden hier also über das frühe 19. Jahrhundert.«
»Exakt«, sagt Andri. Er geht Fuß um Fuß, Schritt um Schritt rückwärts, ohne meine Hand loszulassen, ohne auch nur einmal hinter sich zu gucken. Das ist total nervtötend. Ich folge ihm mit klopfendem Herzen.
»Zwanzig Tiere hatte Hans schon getötet. Aber da war noch der Chef der Horde, das Goldhorn. So nannte man ihn damals im Dorf, weil sein Gehörn ungewöhnlich hell war, und im Sonnenlicht wie Gold glänzte.« Andri schwenkt mit einer koketten Bewegung den Kopf nach hinten. »Hans wollte den Bock als Trophäe. Und eines nachts … hat er ihn erwischt.«
»Nein!«
Andri nickt ernst. »Der Bock brach mit einer Kugel im Herzen zusammen, aber er lebte noch. Und als Hans sich über ihn beugte, warf er den Kopf zurück und rammte ihm das Ende eines Horns mitten ins Herz.«
Ich fröstele und schiele aus dem Augenwinkel an Andri vorbei nach oben. Wir haben schon mehr als die Hälfte es Aufstiegs geschafft.
»Jetzt lagen also der sterbende Steinbock und der sterbende Hans am Berg nebeneinander, und ihr Blut, so sagt man, floss ineinander und den Berg hinunter bis ins Tal«, fährt Andri fort. »Durch das halbe Dorf und bis zur Türschwelle der Hütte wo Hans mit seiner Frau lebte.«
Ich drücke kurz seine Hand und lasse dann los. Er geht weiter und ich folge Schritt um Schritt seinen sicheren Tritten.
»Wie das Schicksal es will, war Hans’ Frau damals schwanger. Und als das Kind geboren wurde, war es…«
»Ein menschliches Steinbockbaby«, murmele ich.
Andri nickt. »Der Fluch hat seitdem zuverlässig funktioniert, er ist nur mal mehr, mal weniger ausgeprägt. Urgroßvater Luc zum Beispiel hatte nur diesen wunderschönen Kopf, der Rest war Mensch pur. Sein eigener Vater hatte nur Steinbockbeine, mein Großvater sogar nur eine ungewöhnlich starke Brust- und Rückenbehaarung, sodass alle dachten, der Fluch würde nachlassen. Aber mein Vater hatte dann wieder dichtes Fell und Steinbockohren. Und ausnahmslos alle hatten Hörner, die sind immer gratis mit dabei.«
Ich überschlage schnell die Lebensläufe der Familie Steiger, die mir bekannt sind, beziehungsweise, deren Ende. Hans’ Tod. Ugroßvater Luc, der von einem Trophäenjager erschossen wurde. Dessen Sohn, Josef, Andris Großvater, der bei einer Skitour von einer Lawine erfasst wurde. Andris Vater, Johan, der durch einen Jagdunfall gestorben ist – was einer der Gründe ist, warum Andri nie ein Gewehr anfasst. Alle starben vor ihrem vierzigsten Lebensjahr. Alle hatten einen Sohn, der den Fluch erbte. Mir wird kalt, obwohl ich vom Anstieg schwitze.
»Nicht nur die Hörner wurden vererbt«, sage ich, »auch der gewaltsame Tod.«
Andri weicht meinem Blick aus und dreht sich um. Seine muskulösen Beine machen mühelos drei weitere Schritte. Ich weiß, dass seine Hörner fast bis zu den Schultern reichen und sechsundzwanzig Jahresringe haben. Bei der Vorstellung, dass irgendein Idiot versuchen könnte ihn zu töten, mache ich größere Schritte. Ich möchte, dass er mir widerspricht, dass er sagt, dass Josef und Lucs Tod und der Tod seines Vaters dumme Unfälle waren.
»Heute ist es anders«, sagt er nach vorne, so dass ich sein Gesicht nicht sehen kann. »Die Welt hat sich verändert. Wir alle haben uns verändert. Es gibt keine Jäger mehr in der Familie. Und außer mir sogar noch andere Steigers, die sich vegetarisch oder vegan ernähren. Und es gibt Hygieneinspektoren mit Höhenangst, die auf Berggipfel steigen.« Er dreht sich zu mir um und breitet grinsend die Arme aus. »Wir sind oben.«
Wir sind auf dem Gipfel, einem gut zwanzig Quadratmeter großen Plateau. Rings um uns herum reiht sich Bergkette an Bergkette. Die verschiedenen Grün-, Braun- und Grautöne der Hänge laufen wie in einem Tuschkasten ineinander. Weit unter uns kuschelt sich die Steigerhütte an den Berg. Auf der Terrasse, packen die ersten Frühaufsteher ihre Sachen zusammen.
»Es ist … wunderschön«, gebe ich zu.
»Ja, nicht?« Andri hüpft um mich herum wie eine junge Ziege. »Ich wusste, dass du es schaffst!«
»Ich nicht.« Ich muss lachen. »Und wie kommen wir wieder runter? Gibt es noch mehr Familienflüche, die ich kennen sollte?«
Andri schnaubt. »Nee, der eine reicht schon.« Er setzt sich hin und holt eine Thermoskanne und zwei Becher aus seinem Rucksack. »Der Rückweg wird leichter, das verspreche ich.«
Wir setzen uns nebeneinander und trinken heißen Tee. Die Sonne schiebt sich endgültig über die Berggipfel und taucht alles in rotgoldenes Licht. Das Tal unter uns liegt noch im Schatten. Ich stelle erstaunt fest, dass die Berghänge die zu beiden Seiten des Pfades tatsächlich viel weniger steil sind, als sie von unten ausgesehen haben. Und dass ich total glücklich bin. Ich stelle den Tee weg und ziehe vorsichtig Andris Mütze ab. Ich streiche leicht über sein linkes Ohr, fühle gleichzeitig warme Haut und weiches Fell unter den Fingerkuppen. Ich küsse seinen Hals und spüre seinen beschleunigten Puls an meinen Lippen.
Er dreht sich mit großen Augen zu mir. »Du willst hier rummachen? Hier oben?«
»Was dagegen?«, murmele ich und schiebe eine Hand unter seinen Pullover.
Andri schließt seine Arme um mich und lässt sich mit mir zusammen auf den Felsen mit den Flechten fallen. Er streicht über meinen Rücken, und ich schiebe auch die zweite Hand unter seinen Pullover und lasse sie über seine Brustmuskeln wandern.
»Aber alle Berge … oh, verdammt … sehen zu«, murmelt Andri.
»Sollen sie doch«, flüstere ich. »Die sind mir völlig egal.«



Emina Weininger
weinimina