Der betrunkene Steinbock – Fortsetzung I

Telepathie

Es ist nach Mitternacht, ich muss in vier Stunden aufstehen und an Schlaf ist nicht zu denken. Urs liegt nur eine Armlänge von mir entfernt, die Augen geschlossen, den Schlafsack bis unters Kinn hochgezogen. Auf 2000 Metern Höhe sind auch die Sommernächte recht frisch, zumindest für menschliche Maßstäbe.

Ich werfe meine Decke zur Seite. Das Mondlicht scheint durch das Dachfenster des Hühnerstall-Heubodens direkt auf Urs Hinterkopf und seine widerspenstigen Locken. Er versucht immer wieder, sie in eine ordentliche Form zu bringen und scheitert komplett. Und ich muss mich jedes Mal schwer zusammenreißen, um ihm nicht die Haare aus der Stirn zu streichen.

Der betrunkene Steinbock - Fortsetzung

Foto: @weinimina

Auch ohne Decke ist immer noch heiß. Obwohl mein Fell ständig vorhanden ist, kommt es mir so vor als ob es in Vollmondnächten, wenn es sichtbar ist, besonders wärmt. So wie heute.
Was habe ich mir nur davon versprochen, mein Zimmer dieser Nachzüglerfamilie zu geben, die vergessen hatte zu reservieren? Klar, theoretisch ist jeder Hüttenwirt verpflichtet, allen Wanderern einen Schlafplatz anzubieten, aber die hätten ebenso gut auf dem Heuboden des Hühnerstalls schlafen können wie wir. Ihr könnt mein Bett haben, hat Urs sofort gesagt, ganz der verantwortungsvolle Inspektor. Und ich Idiot habe ebenfalls meine Kammer zur Verfügung gestellt, in der Hoffnung, dass eine gemeinsame Nacht auf dem Heuboden endlich klar macht, was dieser heißeste aller Hygieneinspektoren eigentlich von mir will. Ich drehe mich auf die Seite und betrachte den schlafenden Urs im Profil.

Ich müsste dann wohl häufiger kommen, hatte er vor zwei Monaten gesagt. Das mit der Nachkontrolle der Küche habe ich damals nicht so ernst genommen, seine Bemerkung über Herzknochen aber umso mehr. Er ist kein Typ, der so etwas einfach nur dahersagt, das war mir schon klar, als er das erste Mal in die Gaststube gestolpert ist, sichtbar erleichtert, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Leute mit Höhenangst erkenne ich auf dreihundert Meter Entfernung. Meine Achtung vor ihnen, wenn sie es trotzdem über den schmalen Grat bis zum Betrunkenen Steinbock schaffen, ist umso größer. Und da stand also Urs Keller vom Gesundheitsamt. Ein Meter achtundsiebzig aufrechte Haltung, brutal gestutzte Locken und unglaublich lange Wimpern. Über die Augenfarbe konnte ich da noch nichts sagen, es hat gedauert, bis er mich wirklich angesehen hat. Der Typ, Hygieneinspektor? habe ich damals gedacht, aber ja. Allerdings.

Heute ist er schon das fünfte Mal zum Betrunkenen Steinbock hochgestiegen. Jedes Mal wirft Urs zuerst einen Blick in die Küche und macht Häkchen auf seinem Protokollbogen, auch wenn er weiß, dass ich extrem genau bin, was Sauberkeit angeht. Erst nachdem er das offizielle Zeug weggepackt hat, kann er sich entspannen.

Auf einer Hütte hockt man ziemlich eng aufeinander, ein paar Stunden genügen da meist, um einen guten ersten Eindruck von jemandem zu bekommen. Wir hatten in den letzten acht Wochen vier gemeinsame Hüttenabende und ich kratze trotzdem immer noch an der äußersten Schicht. An dieser auf Hochglanz polierten Inspektorenoberfläche, unter der sich viel mehr verbirgt. Manchmal blitzt etwas davon durch. Ich weiß inzwischen, dass Urs Inspektor geworden ist, weil seine Großmutter an einer Lebensmittelvergiftung verstorben ist. Dass er mit seiner sechs Jahre jüngeren Schwester Hanne zusammenlebt, seitdem die Eltern bei einem Autounfall gestorben sind. Und ich weiß noch ein paar andere Sachen, so wie: Urs ist ein ernstzunehmender Kartenspieler, er sieht aus wie ein sehr gewissenhafter junger Gott, kann verdammt gut kochen und besitzt einen messerscharfen Humor.
»Jetzt ist er schon zum fünften Mal hier oben«, hat Urgroßvater Luc gestern verkündet und anzüglich mit den Ohren gewackelt, »und ihr habt euch noch nicht einmal geküsst.«
Als ob ich das nicht wüsste.

Heute ist also wieder Vollmond und immer noch ist nichts passiert. In der Hütte ist meine Steinbock-Seite durch das elektrische Licht unsichtbar, aber hier auf dem Heuboden bin ich im Mondlicht in voller Pracht zu sehen, Fell, Hufe, Hörner, alles. Urs hat mir trotzdem nur freundlich eine gute Nacht gewünscht und sich den Schlafsack unters Kinn gezogen. Immerhin eine bessere Reaktion als beim ersten Mal, als er panisch davongerannt ist und fast im Abgrund gelandet wäre.

Aus dem Stall unter uns kommen leise Geräusche, ein kurzes Flügelschlagen, ein Kratzen. Eines der Hühner wechselt die Schlafposition auf der Stange. Ich bin jedes Jahr wieder im Zwiespalt, ob ich eine neue Hühnergruppe im Frühjahr hier hochbringen soll. Das Gehege hat zwar etwas Grünfläche und ist raubvogelsicher, aber einen Lebensraum wie unten im Tal kann ich ihnen nicht bieten. Trotzdem scheinen sie sich hier wohl zu fühlen, klettern auf den Felsen im Gehege herum und sonnen sich ausgiebig. Im Herbst ziehen sie auf den Hof meiner Tante im Tal.

Die Hühner sind ein Zugeständnis – Mehlspeisen sind total beliebt bei den Gästen, und da läuft einfach nichts ohne Eier. Dass eine vegane Küche hier oben nicht funktioniert, habe ich auf die harte Tour herausgefunden. Es hätte mich fast die Hütte gekostet. Vegetarische Küche ist für das Wandererklientel im Moment noch das Maximum an Zumutung.

Ich drehe mich auf die andere Seite, weg von Urs, und starre die Bretterwand an. Die Spinnweben am Fenster sehen aus wie sehr feine Zuckerglasur.
Zum Glück liebt Urs Essen, egal ob vegetarisch oder vegan, und was noch wichtiger ist: Mein Essen. Wenn ich sehe, mit welcher Aufmerksamkeit er ein Stück blanchhierte Möhre auf die Gabel spießt, oder wie er genießerisch die Augen verdreht, wenn er meine Ratatouille probiert, dann verstehe ich, dass Inspektorenhaftigkeit etwas echt Gutes sein kann. Ich lasse normalerweise niemanden in meine Küche, aber mit ihm zusammen zu kochen ist einfach … sexy.

Ich hatte schon immer eine Schwäche für menschliche Hände, vermutlich weil ich selbst zum Teil Paarhufer bin. Und Urs Hände, egal ob sie mit dem Kochlöffel im Suppentopf rühren, das Besteck neben dem Teller ausrichten oder Gemüse schälen – und er schärft jedes Mal auf atemberaubende Weise vorher die Messer, damit die Textur der Gemüsefasern nicht leidet –, machen mich verrückt.
Ich ziehe die Decke zurück auf Hüfthöhe, drehe mich auf den Rücken und betrachte die Spinnweben zwischen den Dachbalken.

Es ist nicht so, dass der Job als Hüttenwirt mich zu einem Leben als Single verdammt. Hier herauf kommen viele Leute. Es mangelt nicht an Singlemännern, die Interesse an einem kleinen Abenteuer haben. Oder sogar an ein paar Monaten Saison-Beziehung, solange das Wetter gut ist. Aber keiner von ihnen hat mich je bei Vollmond gesehen, keiner wusste, wer ich wirklich bin. Aber wenn ich mit einem von ihnen eine Nacht auf dem Heuboden verbracht hätte, hätten wir garantiert nicht geschlafen.
Ich drehe mich um. Warum kommt er immer wieder, obwohl er meine Steinbockseite kennt? Kommt er trotzdem oder gerade deshalb?

Ein leises Rascheln im Heu. Eine Maus flitzt über das Fußende von Urs Schlafsack, hält kurz inne und starrt mich an. Ich mache eine scheuchende Bewegung in ihre Richtung, aber sie bleibt einfach sitzen. Die Mäuse hier oben sind zähe Biester, keine Ahnung wie sie die Temperaturen im Winter überstehen. Oder ob sie jedes Jahr im Frühling mit einer neuen Generation in den Stall einziehen.
Ich erwidere den Blick ihrer winzigen schwarzen Augen. Hau ab. Du störst. Was leider nicht stimmt, hier passiert ja nichts, wobei sie stören könnte. Sie kratzt sich hinter den Ohren, niest kurz und verschwindet im nächsten Heuhaufen.

»Wie hast du das gemacht, Andri?«, fragt Urs laut und ich zucke zusammen.
»Ich dachte, du schläfst!«
»Wie denn, bei deinem Herumgewälze die ganze Zeit?« Er grinst. »Die Maus. Es sah so aus, als hättest du ihr in Gedanken gesagt, sie soll weggehen.«
»Klar. Wir Tiere können uns untereinander telepathisch verständigen.«
»Im Ernst?« Urs stützt sich auf die Ellenbogen und dreht sich interessiert zu mir.
Mein Herz schlägt schneller. »Ja«, behaupte ich. »Aber das kann jeder lernen. Probier`s mal.« Ich sehe ihm fest in die Augen und, oh Wunder, er weicht nicht aus. Das muss die wissenschaftliche Neugier sein.
»Glaub ich nicht«, murmelt er, ohne meinen Blick loszulassen, »und außerdem bist du kein Tier, also … ich meine…«

Ja, sprich lieber nicht weiter. Das Thema ist ein ganz schmaler Grat. Ich lächle ihn an. Er hat die ungewöhnlichste Augenfarbe, grau mit einem blauen Schimmer und grünen Einsprengseln. Je nach Lichteinfall schiebt sich eine Farbe davon in den Vordergrund. Urs Keller, denke ich, wenn ich dich nicht bald küssen darf, werde ich wahnsinnig.
Er wird tatsächlich rot. Und wendet den Blick ab.
»Ich glaube, ich interpretiere da etwas hinein«, sagt Urs, »man müsste eine Doppelblind-Test-…«
Ich lasse mich frustriert auf den Rücken fallen, ein schmerzhaftes Pochen zwischen den Beinen.
Ein paar Sekunden herrscht Schweigen.
»Dein Fell schimmert im Mondlicht«, sagt Urs leise.
»Hm«, mache ich.
»Darf ich es mal anfassen?«
Als ich nicke, berührt er meine Schulter, streicht mit den Fingerspitzen langsam an der Brust entlang über die Rippen, bis zur Hüfte. Ich ziehe scharf die Luft durch die Zähne.
Seine Hand zuckt zurück. »Ist das unangenehm? Soll ich- «
»Nein«, stoße ich hervor, und er sieht mich aufmerksam an. Ich will den Arm nach ihm ausstrecken, scheiß auf Telepathie, aber da ist er schon bei mir, sein Mund auf meinem, sein Körper an meinem und mein Gott, kann er küssen und ich denke Endlich! und dann für eine sehr, sehr lange Zeit gar nichts mehr.